Kurze Klassenanalyse des Straßenverkehrs

Fahrradfahrer sind das Kleinbürgertum des Straßenverkehrs. Wie dieses blicken sie eigentlich neidvoll auf die herrschende Klasse, die Autofahrer, die ihnen schon vom Wesen ihrer Existenz her überlegen sind an Kraft, Geschwindigkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Gerne wären sie wie die Autofahrer, so rasend schnell, so imposant und laut und das auch noch, ganz ohne sich abstrampeln zu müssen. Und gerne hätten sie es,dass der ganze Straßenverkehr auf sie zugeschnitten wäre, dass Verkehrsführung und Infrastrukturplanung, bauliche Maßnahmen und Regeln sich an ihren Bedürfnissen orientieren.

Stattdessen sind sie auch sprichwörtlich Fahrradfahrer: nach oben buckeln, nach unten treten. Für ihren Neid auf den Autofahrer bestrafen sie den Fußgänger. Ihm sind sie überlegen. Stärker, schneller, besser. Aus der Bahn, Fußvolk. Der schwächere Verkehrsteilnehmer hat zu weichen. Der Fahrradfahrer ist dem Faschismus zugeneigt. Muss er vor dem Auto weichen, so soll der Fußgänger vor ihm flüchten. Der Bürgersteig wird zum Fahrradweg umgebaut und der widerspenstige Fußprolet durch aggressives Klingeln oder Notfalls auch durch lautes Fluchen und handfestere Argumente seines Platzes verwiesen. Wo der Autofahrer, selbstsicher ruhend in seiner überlegenen Position, Großmut walten lassen kann, dort ist der neidbeißerische Fahrradfahrer eifersüchtig darauf bedacht, nicht zu kurz zu kommen. Rote Ampeln oder Zebrastreifen ignoriert er, weil er den Straßenverkehr als Krieg missdeutet, in dem er seine relative Schwäche durch besondere Rücksichtslosigkeit ausgleichen muss.

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