Wie schmecken sozialistische Tomaten?

Kleiner Versuch über den Gebrauchswert

Tomaten, die noch nach Tomaten schmecken,“ preist die christliche Veganer-Sekte „Universelles Leben“ ihre Produkte im eigenen Bio-Markt an. Ins selbe Horn stößt jetzt auch Ze.tt, die hippe Jugendbeilage der Zeit, wenn sie schreibt:

Über Jahrzehnte trieb die kommerzielle Züchtung der Tomate ihren Geschmack aus. Gibt es noch ein Zurück?“(1)

Der herbe Geschmack von Mutter Natur

Nun liesse sich zu ersteinmal einwenden: die schmackhafte Tomate ist, wie viele andere Obst- und Gemüsesorten, das Resultat von Jahrhunderten der Züchtung. Größere, nahrhaftere, aber auch wohlschmeckendere Früchte waren von Anfang an ein Selektionsmerkmal für den Anbau. Und weder der Biomarkt, noch die Züchter, die laut Ze.tt an der Rückkehr des wahren, reinen, echten Tomatengeschmacks arbeiten, bieten uns Wildfrüchte irgendwo aus der Mittelamerikanischen Wildnis an. Auch bei ihnen geht es um alte Zuchtformen, die vor der Verdrängung durch den Massenmarkt geschützt werden sollen.

Also alles ein Missverständnis? Wissen all jene, die von ursprünglichen Tomaten, dem echten Kartoffelgeschmack oder dem Genuss authentischer Karotten träumen es nur nicht besser?

Natürlich würde sich jeder von ihnen, würde man ihnen ein herb-bitteres Gericht aus Wildgemüsen vorsetzen, schwer verdaulich und von zweifelhaftem Nährwert, völlig missverstanden fühlen. So haben sie es ja auch tatsächlich nicht gemeint. Ursprünglich und naturbelassen heisst hier nämlich nicht: unberührt von Menschenhand, sondern unberührt von der unpersönlichen Moderne.

Journalisten mit Tomaten auf den Augen

Dass es bei der Produktion von Agragütern irgendwie ums Geld verdienen geht, das erkennt auch Ze.tt. (Und „Universelles Leben“ sowieso. Die verkaufen das Ganze ja selbst.)

„Allerdings zwängen die nötigen Maßnahmen die Landwirtschaft dazu, die Produktion radikal umzustellen – und einige Kosten in Kauf zu nehmen. Klee vermutet, dass Landwirt*innen ihre Ernte um 90 Prozent reduzieren müssten. Aber daran hat in der Lebensmittelindustrie natürlich niemand Interesse. Da geht es weniger um die Qualität der Tomate als um die Masse und den Profit, der dadurch geschlagen werden kann. Die einheitlich groß gezüchteten Tomaten sind effizienter: Sie sind simpler zu pflücken, zu transportieren und kosten dadurch weniger.“


An dieser Analyse ist erstmal nichts verkehrt. Falsch wird sie, weil sie nicht weit genug führt, auf dem Status moralischer Empörung stehenbleibt, der es nicht versteht, dass die Tomatenproduktion um 90% zu drosseln irgendwie nicht praktikabel ist – und als Hoffnung dann allen ernstes die Rettung der Tomate für das zahlungskräftige Kleinkientel oder den zeitintensiven Selbstanbau anführt:


„Zahlreiche kleine Betriebe setzen sich für seltene Tomatensorten ein und rufen zum bewussten Konsum seltener Sorten auf. (…) Auch Harry Klee bleibt optimistisch, dazu müsse man sich nur die Entwicklung der Craft Beer-Szene oder des Kaffees über die letzten Jahrzehnte hinweg anschauen, sagt Klee. Immerhin existieren auch eine Menge kleinbäuerliche Betriebe, die nicht nach den Marktregeln spielen, sondern auf Qualität setzen.“

Und spätestens mit dem Schlusssatz wird es dann ideologisch, denn dass Kleinbauern nicht nach Marktregeln spielen würden, ist reines Phantasma. Allenfalls können sie sich eine Marktnische suchen und eine Kundschaft bedienen, die bereit und in der Lage dazu ist, deutlich höhere Preise zu bezahlen. (2)

Gebrauchswert und Kapitalismus

Dennoch, das Ressentiment gegen die kommerzielle Massenproduktion nährt sich aus einer dunklen Ahnung über das bestehende Wirtschaftssystem. Dass nämlich nicht für die Interessen der Menschen produziert wird, sondern für einen tautologischen Selbstzweck: aus Geld mehr Geld zu machen.

Es bräuchte nur eine aufmerksame Lektüre der ersten Kapitel von Karl Marx’ „Kritik der politischen Ökonomie“(3) um das Rätsel der Tomaten, die irgendwie wie „echte“ Tomaten schmecken sollen, aber dann doch nicht, aufzuklären.


Marx beginnt seine gesamte Analyse mit der augenfälligsten Erscheinung der kapitalistischen Wirtschaft: der Ware. Diese, so führt er aus, ist mit anderen Waren austauschbar. Das erscheint uns als selbstverständlich, weil wir damit aufwachsen, aber es ist ja mitnichten eine Natureigenschaft der Tomate, dass der Bauer sie z.B. gegen Brot oder Werkzeuge eintauschen kann. Im jeweiligen Austausch hat die Tomate also einen Tauschwert, der wiederum auf etwas generelleres verweist. So mag ein Kilo Tomaten vielleicht für 2 Leib Brot eintauschbar sein oder für einen Hammer oder auch ein Hemd. All diese unterschiedlichen Tauschwerte müssen sich aber doch auf etwas gemeinsames beziehen, nämlich den allgemeinen Wert der Ware.

Wert, ebenso wie sein Ausdruck im Tauschwert, sind historisch spezifische Eigenschaften. Sie ergeben nur auf einem Markt, in einer Wirtschaft die auf Tausch beruht, Sinn. Der Wert einer Tomate liegt nicht in ihrem Nährstoffgehalt, nicht in ihrem Geschmack, ihrer Größe, ihrer Farbe oder Form. Aber eine Tomate, die nicht schmeckt, nicht gut aussieht oder von der wir wissen, dass sie uns nicht nährt, wird wohl kaum jemand kaufen. Damit eine Ware Wert haben kann, also auf dem Markt verkauft werden kann, muss sie noch etwas anderes haben: Gebrauchswert.

Der Gebrauchswert wiederum ist etwas, das als Begriff in allen Gesellschaftsformen Sinn macht, egal wie ihre Wirtschaft aussieht. Dass Nahrung ernähren und gut schmecken, Kleidung uns wärmen und gut aussehen soll, das sind alles Selbstverständlichkeiten. Mehr noch, oft sind es Notwendigkeiten die sich daraus ergeben, dass wir als Lebewesen in einen Stoffwechsel mit der uns umgebenden Natur stehen. Salopp gesagt: weil wir überleben wollen müssen wir fressen, trinken und aufpassen, dass wir nicht erfrieren.

Aber schon bei der Kleidung sollte deutlich werden, ganz so einfach ist es dann doch auch wieder nicht. Denn auch wenn der Gebrauchswert an sich etwas überhistorisches sein mag, wird er doch von unserer Kultur geprägt. Was wir als schick und kleidsam empfinden wird von vielerlei Faktoren beeinflusst. Und das bringt uns zur Tomate. Denn wenn der Gebrauchswert nur Vehikel ist, die Produktion nicht für menschliche Bedürfnisse sondern von Werten für den Tausch (4) der eigentliche Sinn und Zweck der derzeitigen Wirtschaft ist, dann beeinflusst das auch den Gebrauchswert.

Die beste Tomate aller Zeiten

Dann erklärt sich nämlich, wieso bei aktuellen Züchtungen der Geschmack von Tomaten hinter industrielle Kriterien zurücktritt, z.b. gleichmäßigen Formen für automatische Sortiermaschinen. Oder warum Farbe und Aussehen, die zum Kauf verlocken, bedeutend wichtiger sind, als dass sie hinterher auch schmecken. Wichtig ist, dass sie gekauft werden, nicht der praktische Nutzen für den Menschen.

Ein Sozialismus, der seinen Namen verdient, wird die Produktion umkrempeln damit Begriff wie Tauschwert, Wert, Geld, Kapital oder Profit keine praktische Bedeutung mehr haben. Statt für die Vermehrung von Kapital und die Anhäufung von abstrakten Werten würde das menschliche Bedürfnis zur zentralen Maßgabe der Produktion. Möglichst umfassend die Bedürfnisse der Menschen möglichst zufriedenstellend zu versorgen und dabei so wenig menschliche Arbeitskraft wie möglich zu benötigen wäre die einzige Maßgabe der produktiven Planung.

Für unsere bescheidene Tomate hieße das mitnichten eine Rückkehr zu arbeitsintensiver Kleinstlandwirtschaft. Ganz im Gegenteil hieße es den Einsatz aller technischen Mittel von Zucht, Kultivation und automatisiertem Anbau, aber unter völlig anderen Prämissen als es die jetzige Industrie täte. Dann hätten wir schließlich weder geschmacklose Industrietomaten, noch winzige Gartenvarianten deren Anbau mehr zur Beschäftigungstherapie denn zur Ernährung der Menschheit taugt. Wir hätten große, schöne Tomaten, die besser schmeckten als alles, was vor ihnen kam.

Oder anders gesagt: erst im Sozialismus werden Tomaten wie echte Tomaten schmecken.

(1) http://ze.tt/koennen-wir-den-urspruenglichen-geschmack-der-tomate-noch-retten

(2) Und zwar das zehnfache, wenn Klee’s Schätzung stimmt.

(3) Besser bekannt unter dem Namen des ersten Bandes: „Das Kapital“.

(4) Das ist sogar nur die halbe Wahrheit. Denn wenn dieser Wert produziert würde, damit man ihn ganz konkret gegen andere Gebrauchsgüter eintauschen kann, wäre das ja noch weitgehend rational. Es geht im Kapitalismus aber um Kapital: um Wert, der sich zu mehr Wert verwandelt, um sich dann zu noch mehr Wert zu verwandeln. Also um Profit. Ein völlig irrationaler Selbstzweck, losgelöst von allen menschlichen Bedürfnissen.

There will be spelling classes after the revolution

Seventy-nine people died in the flames at Grenfell. What’s the story the Daily Mail wants to bring about this and the outrage the fires caused? Haha, look, poor people can’t spell.

“Let’s hope there will be spelling classes after the revolution” they write alongside pictures of protest signs with spelling mistakes.

But that really begs another question. Shouldn’t there be spelling classes right now? Shouldn’t education be for everyone? Shouldn’t we have to wait for poor people getting access to a skill so essential as reading and writing comprehensibly?

So yes, there will be spelling classes after the revolution. Because it will give people what capitalism doesn’t: free education for all.

When the Daily Mail and the people it represents point a finger at these angry and poor people, four fingers point right back at them. Because it is their social order and their anti-welfare policies that are to blame if people don’t know how to spell. Just as they are to blame for it when those very same people can’t afford proper housing, when they are forced to live in conditions so unsafe that they caused the death of seventy-nine people.

People are angry and rightfully so. But, dear Daily Mail, if you even deny them the expression of their anger, what do you think that makes them?

Even angrier. And rightfully so.

Kurze Klassenanalyse des Straßenverkehrs

Fahrradfahrer sind das Kleinbürgertum des Straßenverkehrs. Wie dieses blicken sie eigentlich neidvoll auf die herrschende Klasse, die Autofahrer, die ihnen schon vom Wesen ihrer Existenz her überlegen sind an Kraft, Geschwindigkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Gerne wären sie wie die Autofahrer, so rasend schnell, so imposant und laut und das auch noch, ganz ohne sich abstrampeln zu müssen. Und gerne hätten sie es,dass der ganze Straßenverkehr auf sie zugeschnitten wäre, dass Verkehrsführung und Infrastrukturplanung, bauliche Maßnahmen und Regeln sich an ihren Bedürfnissen orientieren.

Stattdessen sind sie auch sprichwörtlich Fahrradfahrer: nach oben buckeln, nach unten treten. Für ihren Neid auf den Autofahrer bestrafen sie den Fußgänger. Ihm sind sie überlegen. Stärker, schneller, besser. Aus der Bahn, Fußvolk. Der schwächere Verkehrsteilnehmer hat zu weichen. Der Fahrradfahrer ist dem Faschismus zugeneigt. Muss er vor dem Auto weichen, so soll der Fußgänger vor ihm flüchten. Der Bürgersteig wird zum Fahrradweg umgebaut und der widerspenstige Fußprolet durch aggressives Klingeln oder Notfalls auch durch lautes Fluchen und handfestere Argumente seines Platzes verwiesen. Wo der Autofahrer, selbstsicher ruhend in seiner überlegenen Position, Großmut walten lassen kann, dort ist der neidbeißerische Fahrradfahrer eifersüchtig darauf bedacht, nicht zu kurz zu kommen. Rote Ampeln oder Zebrastreifen ignoriert er, weil er den Straßenverkehr als Krieg missdeutet, in dem er seine relative Schwäche durch besondere Rücksichtslosigkeit ausgleichen muss.

Gebet für Frontex

Grenze unser in Europa,
geheiligt werde dein Verlauf.

Deine Ummauerung komme.

Deine Schließung geschehe,
wie im Himmel, so auch auf Erden.

Unsere tägliche Abschiebung gib uns heute.
Und vergib uns unsere Willkommenskultur, wie auch wir vergeben den Brandanschlägen.

Und führe uns nicht in den Kosmopolitismus, sondern erlöse uns von Multikulti.

Denn dein ist das Reich und der Staat und die Volksgemeinschaft in Ewigkeit.

Amen.